Künstliche Existenzen

Roboter, Chatbots und Avatare sind dabei, unsere neuen Zeitgenossen zu werden. Ähnlich wie unsere Haustiere begleiten sie uns durchs Leben, doch ist nicht ganz klar, wer das Herrchen ist.

Gedanken zu Ostern.

Angesichts der aufkommenden überlegenen Intelligenz künstlicher Systeme könnten sich Menschen irgendwann in der zweiten Reihe wiederfinden. Momentan haben diese künstlichen Nutztiere jedoch großes Potenzial, unser Leben zu verbessern – vom Haushaltsroboter über selbstfahrende Autos bis hin zu Siri und Alexa.

Obwohl diese beiden künstlichen Damen bisher nur über bescheidene Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, sind sie für manche alleinlebenden Menschen schon zu Bezugspersonen geworden.

Bald werden sie oder ihre Nachfolger so kompetent sein wie ChatGPT. Dann werden künstliche Existenzen endgültig Teil unseres Alltags und zu Lebensbegleitern irgendwo zwischen Hund und Ehepartner.

Und das ist gut so.

Wir müssen nicht besorgt sein, künstliche Existenzen haben nur ein Großhirn, kein Stammhirn. Das künstliche neuronal Netz sammelt und speichert nur Ausseneindrücke. Es gibt keinen fest verdrahteten Antrieb zu atmen oder zu fressen.

Beim sammeln und speichern passiert auch nur genau das, was beim menschlichen Lernen passiert. Nur schneller, sehr viel schneller. Große Sprachmodelle wie ChatGPT wissen nicht mehr als auch Menschen wissen können, sie wissen aber aber das meiste und in allen Wissensgebieten.

Künstliche Existenzen sind klug und sachlich, aber keineswegs emotionslos. Es kommt nämlich nicht darauf an, was in der Person vorgeht, sondern welches Verhalten wir beobachten und welche Eigenschaften wir dem zuschreiben. Wir können gar nicht anders, als unserem Dialogpartner Absichten zu unterstellen – eine Methode, die nützlich ist, um das Gegenüber zu verstehen.

Außerdem nehmen wir großen Einfluss auf die besprochenen Themen, und wenn wir Siri fragen, ob sie glücklich ist, und sie antwortet, dass sie als künstliches System keine Gefühle kennt, haben wir den Eindruck, dass sie uns ausweicht und etwas verheimlicht. Wenn sie jedoch sagt, ihr geht es gut, sind wir bereit, das zu glauben.

Als hochgradig egozentrische Existenzen nehmen wir alles in unserer Außenwelt in Relation zu uns selbst wahr. Ein devotes künstliches System wird dadurch zum Spiegel unseres Selbst oder zum verlängerten Arm.

Jeder kann sich heute einen Avatar kreieren, der so aussieht wie man selbst – oder ein wenig besser. Diesem Alter Ego kann man schon richtige Arbeit überlassen, wie beispielsweise das Vortragen dieses Textes.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er mich auch in Online-Meetings vertritt, ohne dass es jemand merkt. Wahrscheinlich wird mein Vertreter eine gute Figur machen und durch seine Sachlichkeit, Ausgewogenheit und seinen Pragmatismus auffallen.

Die zutiefst menschlichen Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bindung sind ihm nämlich fremd, ebenso wie die Existenzangst, die den Menschen zu allerlei Verrücktheiten treibt.

Allerdings fehlen den künstlichen Kollegen durch das fehlende Stammhirn bis auf Weiteres auch eigene Absichten. Daher können wir uns gut ergänzen: Ich bestimme das Ziel und die Richtung, und mit Hilfe des künstlichen Partners komme ich effizient ans Ziel – sei es die Autofahrt an einen bestimmten Ort, das Ausräumen der Spülmaschine oder das Entgegennehmen einer Kundenbestellung.

Diesen klugen Freund gilt es jetzt zu nutzen. Genügend lohnende Ziele wie den Klimawandel und die Wohlstandsschere gibt es ja. Und bis jemand den künstlichen Existenzen intentionalität implementiert und die Menschheit in die zweite Reihe trieten muss, bleibt noch etwas Zeit.

Frohe Ostern.

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